Frau auf Arbeit

Gleichberechtigung im Job: Wo stehen wir wirklich?

Wir dachten, wir hätten es fast geschafft. Frauen mit guten Abschlüssen, Frauen in Führungspositionen, Frauen, die Karriere und Kinder unter einen Hut bringen. Und doch: Wer sich die Zahlen anschaut, merkt schnell,  zwischen dem Gefühl von Gleichberechtigung und der gelebten Realität klafft noch immer eine ziemlich große Lücke.

Das Gefühl trügt: Die Zahlen sprechen eine andere Sprache

Frauen verdienen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 6 Prozent weniger pro Stunde als Männer und zwar bei gleicher Arbeit, gleichem Abschluss, gleicher Qualifikation. Das ist der sogenannte bereinigte Gender Pay Gap. Vor 20 Jahren sie er bei 8 Prozent. Die Verbesserung: gerade mal 2 Prozentpunkte in zwei Jahrzehnten.

6 Prozent klingt vielleicht nach wenig. Aber über ein ganzes Berufsleben gerechnet? Das ist eine Menge Geld. Und es ist vor allem eines: der Grundstein für ein anderes, viel gravierenderes Problem: die Altersarmut. Jede fünfte Frau in Deutschland ab 60 ist davon betroffen. Das ist kein Zufall, das ist das Ergebnis jahrzehntelanger struktureller Benachteiligung.

Motherhood Penalty: Wenn Kinder zur Karrierebremse werden

Es gibt einen Begriff, der das Dilemma vieler Frauen auf den Punkt bringt: Motherhood Penalty. Er beschreibt, was passiert, wenn Kinder kommen – und zwar ausschließlich bei Frauen.

Studien zeigen: Bevor Kinder da sind, verlaufen die Einkommenskurven von Männern und Frauen noch relativ ähnlich. Doch mit der Geburt des ersten Kindes ändert sich das dramatisch. Während das Einkommen von Männern kaum einbricht - bei manchen steigt es sogar –, sackt das von Frauen massiv ab. Das Ergebnis: Männer mit zwei Kindern kommen auf ein Durchschnittseinkommen von knapp 60.000 Euro, Frauen auf gerade mal gut 30.000 Euro.

Und dann wundern wir uns über die Rentenlücke.

Strukturen, die bremsen

Hinter diesen Zahlen stecken keine bösen Absichten einzelner Arbeitgeber. Es sind Strukturen, die das Problem systematisch reproduzieren:

  • Das Ehegattensplitting begünstigt das klassische Versorger-Modell – und nimmt Frauen damit den finanziellen Anreiz, mehr zu arbeiten oder sich beruflich stärker durchzusetzen.

  • Fehlende Betreuungsplätze: Bundesweit gibt es nur rund 800 Betriebskindergärten, und es fehlen schätzungsweise 380.000 Kindergartenplätze. Wer soll da flexibel arbeiten?

  • Ungleiche Elternzeit: In Ländern wie Schweden hat jedes Kind ab der 26. Lebenswoche einen Betreuungsanspruch. Und Väter nehmen Elternzeit – nicht als Exot, sondern als Normalfall.

Solange diese Rahmenbedingungen nicht sich ändern, werden individuelle Bemühungen allein nicht reichen.

Mikroaggressionen im Alltag: Das leise Rauschen

Neben den großen strukturellen Fragen gibt es noch etwas anderes – das, was sich im Arbeitsalltag subtil, aber spürbar zeigt. Das Augenrollen, wenn das Kind wieder krank ist. Die Annahme, dass die Frau im Team die Geburtstagsorganisation übernimmt. Das ungute Gefühl, wenn eine Schwangerschaft verkündet wird.

Diese sogenannten Mikroaggressionen sind schwer zu greifen, aber real. Was hilft? Darüber reden. Mit Kolleginnen, mit offenen Vorgesetzten – und manchmal auch mit einer Prise Humor, auch wenn einem gerade nicht danach ist.

Ab 50: Wenn Erfahrung plötzlich nichts mehr wert ist

Ein weiteres Thema, das viel zu selten laut ausgesprochen wird: Was passiert mit Frauen – und Männern – ab 50 im Berufsleben?

Studien zeigen, dass viele Unternehmen ab diesem Alter kaum noch in Weiterbildung investieren. Begriffe wie Kreativität, Flexibilität und Innovation werden automatisch mit jüngeren Mitarbeitenden assoziiert. Ältere dagegen? Zuverlässig, loyal  aber irgendwie nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Das ist nicht nur falsch, es ist auch wirtschaftlich kurzsichtig. Wer fünf Umstrukturierungen erlebt und überlebt hat, lässt sich von der sechsten nicht aus der Bahn werfen. Diese Resilienz ist unbezahlbar und wird systematisch unterschätzt.

Ein Ansatz, der funktioniert: Reverse Mentoring. Ältere und jüngere Kolleginnen lernen voneinander, statt gegeneinander ausgespielt zu werden. Die Jüngeren bringen digitale Skills mit, die Älteren bringen Erfahrung, Gelassenheit und innere Abkürzungen. Eine Win-win-Situation – wenn man sie zulässt.

Was wirklich helfen würde

Drei politische Stellschrauben, die echten Unterschied machen könnten:

  1. Ehegattensplitting abschaffen – es zementiert veraltete Rollenmodelle und hält Frauen finanziell abhängig.

  2. Elternzeit gerechter verteilen – verpflichtende Väterzeit, wie in anderen europäischen Ländern bereits erprobt, würde nicht nur Frauen entlasten, sondern auch Vätern ermöglichen, sich stärker einzubringen.

  3. Lohntransparenz konsequent umsetzen – das EU-Lohntransparenzgesetz ist ein richtiger Schritt. Aber Gesetze allein reichen nicht, wenn Tabus das Gespräch über Gehalt verhindern.

Was jede von uns tun kann

Neben den großen politischen Forderungen gibt es auch etwas, das jede Frau für sich und füreinander tun kann:

  • Gut genug ist gut genug. Frauen neigen dazu, sich erst dann zu bewerben oder eine Aufgabe zu übernehmen, wenn sie sich zu 100 Prozent sicher fühlen. Männer tun das bei 60 Prozent. Das kostet uns Chancen.

  • Vernetzt euch. Frauen, die füreinander eintreten, die offen über Gehalt, Herausforderungen und Erfolge sprechen – das ist keine Selbstverständlichkeit, aber es wird besser. Und es verändert etwas.

  • Redet über Geld. Das Tabu rund ums Gehalt schadet vor allem uns. Wer nicht weiß, was andere verdienen, kann sich nicht wehren.

Die Männer müssen mitlaufen

Gleichberechtigung ist kein Frauenthema. Sie ist ein gesellschaftliches Thema und sie gewinnt man nicht ohne Männer. Das Bild, das es braucht: einen Marathon, den Frauen und Männer gemeinsam laufen. Nicht einer, der am Wegesrand steht und ab und zu eine Wasserflasche wirft.

Die gute Nachricht: Junge Männer heute wollen das anders. Sie wollen Zeit mit ihren Kindern. Sie wollen keine 80-Stunden-Woche. Sie wollen über Gefühle reden. Das ist kein Trend – das ist eine echte Verschiebung. Und sie macht Mut.

Lust auf mehr? Glow Up Your Life!

Wenn dich das Thema interessiert, hör gerne in die aktuelle Folge von Glow Up Your Life “Gleichberechtigung im Job?” rein – Katja Burkardt spricht dort mit Brigitte Huber über Gleichberechtigung im Job, den Motherhood Penalty, Mikroaggressionen im Arbeitsalltag und darüber, warum 60 kein Grund ist aufzuhören, sondern vielleicht der beste Zeitpunkt für einen Neuanfang.

Brigitte Huber ist Journalistin, Autorin, Speakerin und Podcasterin – und eine der erfahrensten Stimmen im deutschsprachigen Medienbetrieb. Als langjährige Chefredakteurin der Brigitte und weiterer großer Frauenmagazine hat sie über zwei Jahrzehnte lang beobachtet, was Frauen bewegt, was sie belastet – und was sie stark macht. 2023 wagte sie mit 59 Jahren selbst einen beruflichen Neustart. Sie weiß also aus eigener Erfahrung, wovon sie spricht – und sie lässt nicht locker.

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